Uwe Wolf

Eine Rede anlässlich der Solidaritätsveranstaltung in Maria Geburt Aschaffenburg am 6. Februar 2022

Liebe Anwesende 

Ich habe nie geglaubt, dass ich einmal in einer Kirche laut sprechen werde. 
Ich habe Sie bewusst mit, “liebe Anwesende” angesprochen, weil ich zu diesem Thema leider wenig “Liebe” oder mitfühlende Menschen kennen gelernt habe. Es sind die gemeint, die uns das eingebrockt haben, die Vertuscher, die angeblichen Missbrauchsbeauftragten, die höchsten Kirchenvertreter. Als Kind habe ich den Predigten vertraut, wir wären Schäfchen, die von den kath. Hirten beschützt werden. Ich habe es hautnah erleben dürfen, auf dem Schoß eines Paters. Der einzige Hirte, dem ich noch vertraue, ist der LKW-Fahrer mit der Mundharmonika. Soweit ist es gekommen. 

Hier in diesem Kreis bin ich mir sicher, dass Gläubige und Ungläubige zuhören wollen, um sich mit uns Betroffene zu solidarisieren. Großen Respekt bezeuge ich dem Geistlichen dieser Gemeinde, der das sogar gegen den Bischofswiderstand ermöglicht. Danke, Herr Pfarrer Krauth. Man wollte Sie zur Messe zwingen. Sie waren standhaft. Sie sind für mich ein wahrer Hirte. 

Jetzt kenne ich schon zwei. Sie haben erkannt, dass ein Schäfer auch mal seinen Schafen beim Meckern zuhören muss. Bischöfe und sonstige hohe Würdenträger, wie sie sich gerne nennen, haben das schon lange verlernt! 
Selbst kann ich nur über die Diözese Würzburg sprechen, obwohl sich das ja deutschlandweit abspielt. Ich bin heute 76 Jahre alt. Meine Missbrauchserfahrung habe ich jetzt 66 Jahre hinter mir. 66 Jahre im Kopf gespeichert. Ich konnte den Lap-Kopf nicht zuklappen. Zwischendurch möchte  ich bemerken, dass ich niemanden hier seinen religiösen Glauben oder zukünftige Kirchgänge vermiesen will. Nein, es gibt mehr gute Seelsorger als schlechte. 

Den sexuellen Missbrauch und die sexuelle Gewalt, die ich bei den Erlöserschwestern immer wieder erleben musste. In einem Würzburger Kinderheim. Das prangere ich an. Von Barmherzigen Schwestern als Neunjähriger halbnackt mit einem Stock bei jeder kleinen Unartigkeit verprügelt zu werden. Man nannte es Züchtigung. Ca. alle vier Wochen wurde ich zu einem pädophilen Pater zum Beichten geführt. Auf den Schoß wurde ich überall befummelt und auf den Mund geküsst. Ekelhaft! Ich hatte keine Chance, mich gegen den alten Mann mit einem Kreuz vor dem Bauch zu wehren! 

Das war jetzt in groben Worten erzählt, was mir kurz nach meiner 1. hl. Kommunion als junges Schaf widerfahren ist. 
Als nun immer mehr Fälle bekannt wurden, und ich bemerkte wie alles vertuscht wurde, konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Bei einer sogenannten Missbrauchsbeauftragten, einer Hobbypsychologin, sprach ich vor und erzählte meine Geschichte. Sie war von der Kirche berufen worden.
Das wars. Ich hörte nie mehr was von ihr.
Doch welch Überraschung, Wochen später durfte ich zum Bischof mit meiner Frau. Wir wurden freundlich begrüßt und ich erzählte meine Geschichte. Vor dieser Obrigkeit war ich respektvoll und glaubte mich in guten Händen. Man signalisierte wohlwollend, mir zu helfen. Heute muss ich in Kindersprache sagen “Pfeifendeckeles”. Das war unterfränkisch.
Etwa vierzehn Tage danach teilte man mir durch eine Sekretärin mit, mein Fall sei nicht Sache des Bischofs. 
Die Erlöser Nonnen unterstehen nur dem Papst. Jetzt muss ich auch noch nach Rom, war mein Gedanke.
Der Bischof hat also in Würzburg nichts zu sagen oder er duckt sich.
Ich nahm die besagte Sekretärin mit zu den Erlöserschwestern, in der Hoffnung, sie protokolliert wieder das Gespräch. Denkste! Neben der Oberschwester saß ihr Missbrauchsbeauftragter.
Ein Diakon und hauptberuflich Anwalt für Bau-und Erbrecht. Ich hatte noch nie so viele Hobbypsychologen kennen gelernt wie 2021. Ein Diakon in dieser Position hat doch ein “Gschmäckle”. Sämtliche Beauftragte, von denen ich höre oder die ich kenne, sind kirchennah! Die können uns nicht vertreten. 

Ich bedanke mich bei Herrn Pfarrer Krauth, der mir zeigt, dass doch ein Krauth gegen die Missstände gewachsen ist. Das “h” in Ihrem Nahmen steht für “handeln”. 

Uwe Wolf 


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Auszug aus der Autobiographie . Kapitel 3

Sehr geehrter Leser!

Dies ist ein Kapitel aus der Autobiographie meines bewegten Lebens. Ich habe diese geschrieben, um meinen Enkeln zu erzählen, was ich 70 Jahre lang getan und erlebt habe. Ich beschrieb meine Kindheit, meine Jugend, die von mir erlernten Berufe, Familie und Unternehmertum. Sie sollten mehr erfahren über ihren Opa, als die Zeit nach Ihrer Geburt. Leider gehört dieses 3. Kapitel zu meinem am Anfang stehenden Lebenslauf.
Ich war 9-10 Jahre alt! Wenn Sie jetzt weiterlesen, erfahren Sie, was ich im Kinderheim der “Wickenmeyer Stiftung” in Würzburg erleben “durfte”! Geführt wurde diese “Anstalt” von den Erlöser-Ordensschwestern! Die Betonung liegt auf “durfte” und “Anstalt”. Uns Kindern, Eltern, Behörden und der Allgemeinheit suggerierte man, es sei ein Privileg dort von barmherzigen Schwestern, wie sie sich gerne selber nannten, erzogen zu werden!
Wenn Sie das Kapitel lesen, versetzen Sie sich bitte in einen 9-Jährigen und seine Gefühlswelt.

Anmerkungen zum 3. Kapitel

Die von mir beschriebenen Erlebnisse im Heim sind stark abgeschwächt dargestellt worden. Die Gewalt und sexuellen Übergriffe waren weitaus schlimmer als hier erzählt. Ich wollte meine Enkel nicht verstören! Auch meine angebliche Stärke war nicht ungebrochen. Diese frühkindlichen Erfahrungen gingen mir ein Leben lang nicht aus dem Kopf. Ich habe nicht verstanden, warum ich meine Hosen ausziehen musste, um nackt von einer Ordensschwester mit einem Stock verprügelt zu werden.
Das war sexuelle Gewalt. Mit 9 und 10 Jahren hatte ich schon lange ein Schamgefühl. Es war erniedrigend.
Auch habe ich nie verstanden, warum ich von Frauen brutal verprügelt wurde, die Betonung liegt auf Frau. Ich war von zu Hause aus gewohnt, umsorgt und geliebt zu werden. Wenn ich mal krank war oder Schmerzen hatte, wurde ich bedauert und getröstet. Das gab es bei diesen sogenannten barmherzigen Schwestern nicht. Bei jeder Gelegenheit wurde man krank geschlagen.
Trotz Widerstand meinerseits wurde ich regelmäßig einem pädophilen Pater zugeführt. Ob ich wollte oder nicht! Mit der Begründung, ich müsste beichten. Warum auf dem Schoß sitzend? Hier konnte er mich überall befummeln und permanent auf den Mund küssen.
Das war sexuelle Nötigung und Missbrauch eines Kindes. Ich bin hundertprozentig überzeugt, dass die Erlöserschwestern wussten, was in diesem Zimmer geschah.
All diese Taten geschahen in den Fünfziger Jahres des letzten Jahrhunderts. Wir Heimkinder waren die ersten, die in Deutschland Halloween erleben durften. Immer wenn wir eine verkleidete Frau sahen, die man Nonne nannte, erschreckten wir und hatten Angst. Meist gab es Saures, niemals Süßes, wie zum Beispiel ein Lächeln oder Zuneigung.
Hätte das Grab des Stifters Wickenmeyer eine Glasplatte, hätte man sehen können, wie er sich 20mal am Tag im Grabe herumdreht und zum Himmel schreit. Da oben hat allerdings niemand zugehört. So hatte er es sich nicht vorgestellt.

Auszug aus der Biografie von Uwe Wolf – 3. Kapitel

Ein düsteres Kapitel, denn nach tagelangen Diskussionen mit meiner Mutter, dass ich doch als Schlüsselkind alleine ganz gut zurecht kam, fand ich bei ihr kein Gehör mehr. Man hatte über mich hinweg beschlossen, ich müsste in ein Heim. Zum Beginn der vierten Schulklasse wäre die „Wickenmeyer Stiftung“ in Grombühl mein neues Zuhause. Gleich daneben die Pestalozzischule. Nicht mal mehr meinen besten Freund, den Rainer Paasche, hätte ich dann mehr. Ich sei doch ein aufgeweckter Junge und würde schnell neue Kumpels finden. Das ist wahr, aber ich wollte doch nicht. Ich hoffte nur, dass wenigstens meine Schwester ein schlechtes Gewissen hatte. Ich glaube die Schwestern in unserer WG* waren die einzigen, die das bedauerten. Sie hatten jetzt keinen fröhlichen Jungen in Lederhosen mehr um sich, der gerne bei ihnen zum Essen kam und seine Schulaufgaben machte. Auch das war jetzt Geschichte!

Es war soweit, ich wurde mit gepackten Koffern ins Heim gebracht.
Nach Grombühl, eine völlig neue Umgebung für mich. Ich weiß gar nicht, ob ich da früher schon mal war.
Wir wurden von zwei bis drei Ordensschwestern mit einem seltsamen Lächeln begrüßt. Es war eine riesige Empfangshalle und irgendwoher hörte man Kinder. Meine Mutter musste mit der Oberschwester ins Büro, um irgendwelchen Schriftkram zu erledigen. Die beiden anderen Schwestern mühten sich, den traurig trotzenden Buben aufzumuntern. Was ihnen allerdings nicht gelang. Mutti und die Oberin kamen zurück und ohne mich richtig zu verabschieden, wurde ich von der netteren Schwester mit einem Kreuz auf dem Bauch hängend, weggebracht. Die andere brachte die Koffer nach oben und die Oberin, eine kleine Frau, war übertrieben freundlich. Von nun an, wenn ich jemand Erwachsenes in diesem riesigen Gebäude ansprach, hatte ich bedingt durch meine Größe, jedes Mal ein Kreuz vor den Augen.
Zwangshalber würde ich jetzt wohl ein guter frommer Mensch werden. Falsch gedacht. Gleich am Mittag saß ich mit ca. hundert Kindern in einem Saal zum Essen. Es war sehr still und alle beäugten mich mit der Frage „was ist das wohl für einer“. Es wurde vor dem Mahl gebetet und ich gleich ermahnt, weil ich nicht mitplapperte. Ich kannte weder Text noch Ritual. Nach dem Verzehr wurde wieder gedankt, dass wir was zum Kauen von oben bekommen hätten. „Mehr als „zum Kauen“ konnte man es nicht nennen. Auch das weiß ich noch ganz genau.

Danach das erste Verhör, ob wir denn zu Hause nicht dem Herrgott gedankt hätten, für Speis und Trank. Was ich verneinen musste.
Welch ein Schock, ein Ungläubiger im katholischen Kinderheim, mitten in der Bischofsstadt Würzburg. Ich spürte, dass es den beiden Nonnen gar nicht gefiel. Meine seltsamen Ausreden, ich sei ja eigentlich ein Flüchtling, ich hätte immer aus dem Wasserhahn getrunken, das Essen hätte ich von Mutti oder der Frau Bayer bekommen, erkannten sie nicht an.
Sie belehrten mich, Gott sei überall, auch im Osten, man müsse sich bei ihm dafür bedanken. Bei der Frage, ob die Danksagung bei schlechten Noten auch nötig sei, wussten sie, hier ist ein Rebell eingezogen, mit dem man lieber nicht diskutieren sollte.

Beim Essen waren in unserer Kantine Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren. Zaghaft begannen einige ein Gespräch mit mir. Ich wurde über einige Hausregeln informiert. Zum Beispiel: kein lautes Reden oder gar Schreien, den Nonnen immer Folge zu leisten, nicht bei den Mädchen aufhalten usw.! Bei meiner Frage, warum manche die gleichen rotkarierten Hemden tragen, antwortete man kichernd, das seien die Bettnässer. „Gott sei Dank“ war ich ja schon stubenrein. Die erste Danksagung hatte ich also hinter mir. Irgendwie verging der Nachmittag mit Annäherungen von beiden Seiten, bei dem ich viel Verwunderliches erfuhr. Über Pinguine, wie man sie nannte, welche gut oder böse waren. Gegen siebzehn Uhr am Abend gab es nochmal etwas zum Kauen, mit Tee, damit man es schlucken konnte. Um neunzehn Uhr sah ich das erste Mal den Schlafsaal mit circa vierzig Betten und man zeigte mir den Minischrank für mich. Darin waren meine Wäsche mit Schuhen und Lulay Brezeln*. Die Schulsachen waren in einem Regal im Erdgeschoss untergebracht.

Die nächsten Tage vergingen in etwa so: Aufstehen durch militärisches Wecken, waschen im Großraumbad, Frühstück mit Danksagung, gemeinsamer Schulgang über die Straße unter Aufsicht zweier Schwestern.
In der Schule selbst ging es normal zu, obwohl wir oft als Heimkinder veräppelt wurden. Ein paar mal ließ ich mir das gefallen und eines Tages endete das in einer Rauferei. Dies berichtete der Blödmann von Lehrer der Heimleitung. Ich hatte doch nur die Kleineren von uns und mich gegen diese Diskriminierung verteidigt.
Den Heimweg nach dem Unterricht durften wir ohne schwarze Trachtenträgerinnen antreten. Die für mich zarte Prügelei hatte Folgen. Zur Oberin zitiert, erklärte man mir, dass so etwas Sünde ist und Strafe verdient. Also Hose runter, über den Stuhl legen und mit dem Rohrstock drauf auf den Hintern. Eine Stunde lang konnte man nicht mehr sitzen. Als weitere Buße bekam man nichts zu essen!
So war das. Der Oberpinguin bestrafte Sünde mit noch größerer Sünde. Welch christliche Weltanschauung.
Weiter zum Tagesablauf: Dreizehn Uhr Mittagessen, anschließend Hausaufgaben, eine Stunde spielen, danach Gartenarbeit oder Hof und Treppen kehren. Siebzehn Uhr gemeinsames Abendkauen. Wieder eine Stunde Freizeit und um neunzehn Uhr kollektives Waschen mit anschließendem mucksmäuschenstillen zu Bett gehen.
Wo war ich hier gelandet?
Einen freien Willen gab es nicht, nur Regeln und Verbote. Jeden Tag das gleiche Beten und Danken, alle Monate beichten.
Nicht zu vergessen sei die sonntägliche Prozession der Heimkinder in Zweierreihen zur Kirche in Grombühl. Ein Spießrutenlauf, denn viele der Kinder waren erbärmlich angezogen. Sie hatten keine Eltern mehr, oder die Mütter waren mit den Amisoldaten nach Amerika abgehauen. Deshalb trugen sie immer aufgetragene Klamotten. Es dauerte eine Weile, bis ich die Zusammenhänge begriff, um den armen Buben und Mädchen zur Seite zu stehen und mit Lulay Berzeln zu versorgen, die meine Mutti alle vier Wochen mitbrachte. Ich selbst konnte Lulay nicht mehr hören und schmecken.
Unter den „Heimis“ waren viele behinderte und dunkelhäutige Kinder, die von den Nonnen oft „Bastard“ genannt wurden. Stellt Euch das mal vor! Leider konnte ich das nicht mehr meinem Vati, dem Starken Hans, erzählen. Der hätte den Ku-Klux-Klan-Weibern den Arsch aufgerissen, ich war noch zu klein für solche Aktionen. Doch meine Aggression gegen sie wuchs ständig. Die meisten Insassen waren apathisch und angepasst, weil sie schon als Baby hier abgegeben wurden. Traurig!
Ein Leben wie ich auf der Straße, wo man sich durchsetzen musste und Freiheit genoss, kannte bis auf wenige Schwererziehbare keiner.
Die hielten zu mir und ich zu ihnen. Wir Widerständler genossen voller Stolz den schlechten Ruf, der uns vorauseilte. Aufgrund des Ungehorsams und der Streiche wurden wir, mindestens einmal im Monat, von der Oberin, der hauseigenen Sadistin, mit dem Rohrstock genüsslich gezüchtigt.
Im ganzen Haus hingen irgendwelche Heiligenbilder und der Herrgott am Kreuz. Man erklärte uns, Gottes Sohn, der Jesus von Nazareth, hätte für uns Menschen das Leid auf sich genommen.
Warum wir Jungs jetzt nochmal in Würzburg leiden mussten, konnte uns niemand erklären! Ich war mir nur sicher, Söhne Gottes waren wir nicht. Meine Eltern kannte ich ja und mein Verhalten war auch nicht immer gottesfürchtig, behaupteten die Heimaufseherinnen.

Monatlich musste ich bei einem Pater mit stinkendem Bartwuchs beichten, so oft, weil ich ja ein großer Sünder war. Er legte Wert darauf, dass ich mich auf seinen Schoß setzte, weil er mich doch so lieb habe. Jetzt wurde ich nach meinen Sünden gefragt. Dass ich keine Verfehlungen begangen hatte, wollte er nicht glauben. Zwischendurch küsste der Fiesling mich auf den Mund und rutschte unruhig auf dem Stuhl umher. Mein Vorschlag, ich setze mich auf einen Stuhl, weil ich zu schwer sei, wiegelte er ab und belohnte mich mit einem Schmatzer. Ekelhaft, er roch immer nach Erbsensuppe.
Ob ich unkeusch war, fragte er bohrend. Was das ist, hatte mir noch niemand erklärt. „Hast Du Deinen Piepmatz öfter in die Hand genommen“, fragte er. Natürlich, antwortete ich, zum Pinkeln.
Er verzieh mir mit einem Kuss, dass ich gepinkelt hatte? Seltsam! Ob ich etwas spüre, wenn ich Mädchen sehe, was ich bejahen musste. Ich erklärte ihm, ich würde mich freuen, weil sie so schön sind. Wieder verzieh er mir durch einen Kuss auf den Mund und drückte mich ganz fest.
Dass ich mich prügelte und teilweise schlechte Noten hatte, gestand ich ihm auch. Nie mehr im Leben wurde ich soviel abgeknutscht wie bei diesen Beichtritualen. Trotzdem war es mir zuwider.
Heute weiß ich, was da in Wirklichkeit sprichwörtlich abging! Als Kind dachte ich, dass es daran liege, weil ich schon damals verdammt gut ausgesehen habe.
Es war grausam, denn in den Sitzungen habe ich nie gestanden, dass seine Ordensschwestern von mir in die Hölle gewünscht wurden. Somit waren alle Beichten von mir vor dem Herrgott ungültig. Dieses Geheimnis hätte der Arsch bestimmt gepetzt und die Sündenprügel wären die Folge gewesen. Der Ordenspater war ein Perversling.
Gut gemacht Uwe W. Der liebe Gott war nie böse auf mich, aber die anderen. Unserem Gott gefällt diese Art und Weise bis heute nicht.
Was man heute über die katholischen Internate weiß, ist erschütternd. Vor allem der Umgang damit, von Kirchen und staatlichen Stellen. Schämt Euch! Es waren keine Internate sondern Internierungslager! Dort gab es für uns kein Verständnis, Geborgenheit oder gar etwas Liebe. Ich weiß, von was ich berichte. Ich war dabei und habe es seelisch und körperlich erleben müssen. Zwei Jahre lang gezüchtigt und für Sexphantasien eines Geistlichen herhalten. Die vielen anderen vierzehn Jahre lang, was ist wohl aus denen geworden?
Trotz allem gab es während des Aufenthaltes lustige Begebenheiten und Spaß mit meinen Mithäftlingen. Die Gaudi spielte sich meist ohne Bewacher ab. Man wusste ja nie, ob man etwas Verbotenes tat.
Besuch wurde nicht gerne gesehen.
Am Monatsende durfte man nach Hause, wenn man abgeholt wurde. Ein Wochenendglück. Ich traf dann den Rainer und die drei Bayerfrauen*, denen ich erzählte, wie es mir ging. Die waren danach ernsthaft traurig und trösteten mich. Meine Schwester und Mutti hörten nie richtig zu, oder wollten nicht. Meine große Schwester Ursula enttäuschte mich, weil sie mich nie besuchte. Ich hatte doch niemanden mehr. Vati und Basko waren nicht da, und von der Sanderauer Bande war ich auch vergessen. Wie man sagt: „aus den Augen, aus dem Sinn“. Schon wieder eine traurige Erfahrung.
Dies alles hat mich wohl für den Rest des Lebens selbstbewusst und stark gemacht. Im Unterbewusstsein hieß es „du bist ein Kämpfer und erreichst alles, was Du willst“.
Im Kinderknast konnten mich mittlerweile alle am Bello lecken, auch wenn es dafür Schläge gab. Ich hatte gelernt, dass es wehtut aber den Uwe nicht umbrachte.
Das Einzige, wovor ich noch Angst hatte, man könnte mich nicht liebhaben. Nur bei den Ku-Klux-Klan-Weibern buhlte ich nicht darum. Deshalb bemühte ich mich, und das bis heute, Schwächeren oder Benachteiligten beizustehen. Leider aber auch, wenn es nur mit einer Prügelei lösbar war. Aus meiner Sicht!
Mehrere Male büchste ich nach der Schule aus und floh nach Hause und wartete, bis jemand kam. Meiner Mutter erzählte ich, wie es im Heim zuging. Dass mich der Beichtvater anekelte und es bei jedem Verstoß von den Schwestern Schläge gab. Sie wollte es nicht glauben und brachte mich zurück. Wir wurden freundlichst begrüßt mit den Worten „da ist ja unser Ausreißer wieder, hast Du wohl Heimweh gehabt“? Mutti und Oberin wechselten noch ein paar Worte, während ich verschüchtert daneben stand.
Kaum war die Frau Wolf aus dem Geisterhaus verschwunden, lotste mich die schwarze Tracht mit dem großen Kreuz am Bauch ins Büro. Was jetzt geschah, war klar. Die Barmherzige versohlte mir wieder den Arsch. Danach ab ins Bett, in dem ich die ganze Nacht weinte.
Die anderen bewunderten meinen Mut, ich war einfach traurig.
Meiner Widerspenstigkeit tat dies jedoch keinen Abbruch, Nur die Schulzensuren wurden schlechter. Vielleicht lag es auch daran, dass es im ganzen Haus kein Radio gab. Wir hörten nie Musik. Nur einmal im Monat wurden wir durch die Quer- und Blockflötengruppe erfreut.
Ein halbstündiges Konzert des Grauens.
Halt, die Musik gab es zu Heiligabend von einer Schallplatte. Da mussten wir alle Weihnachtslieder mitträllern. Eine Stunde lang. Ich beherrschte immer nur den Anfang der Strophen und wurde argwöhnisch beobachtet. Der untalentierte Ungläubige. Welch eine Schande in unserem Haus, dachten die Schwarzkittel.
Die Überraschung am Heiligen Abend war groß, nachdem viele US-Soldaten bei uns waren und uns wirklich reich beschenkten. Sie blödelten mit uns in einem Kauderwelsch, man spürte ihre echte Freude. Eine „Schuco Autobahn“ und viel Süßes durfte ich jetzt mein Eigen nennen.
Es waren die schönsten Stunden in diesem Haus, die uns leider nicht lange vergönnt waren. Nach drei bis vier Stunden waren die GIs gegangen und sämtliches Spielzeug wurde eingesammelt und in den großen Schränken verstaut. Ein Schock, es gehörte uns wieder nichts persönlich.
Jetzt wusste ich es, es waren kommunistische Pinguine.
Gott sei Dank hatten wir uns schon vorher das Süße in die Taschen gesteckt, nun hatten wir wirklich etwas Genüssliches zum Kauen. Chewing Gum, zu deutsch Kaugummi, war das Geheimnis.
Dieses Weihnachtsfest musste ich so verbringen, weil die Gerhardé ihren Leukoplast Bomber auf schneeglatter Fahrbahn an einen Baum am Mainufer gelenkt hatte. Er war ein Auto namens Lloyd mit 400cm³. Er war jetzt Pappeschrott. Und wieder mal hatte sie es schwerer, als jede andere Frau auf der Welt. Sie konnte ihren Sohn nicht holen, „die Arme“!
Ich wäre auch mit der Straßenbahn zufrieden gewesen. Solche Erkenntnisse ließen mich oft zweifeln. Na ja, so ist das Leben!
Hoffnung auf Entlassung nach zwei Jahren kam auf, als mir meine Mutti erzählte, dass sie eine Weinstube in Lohr übernehmen wolle. Am Ende des Schuljahres dürfte ich nachkommen.
So kam es auch tatsächlich. Als Folge ging mir hier jetzt alles am Allerwertesten, der so viel gelitten hatte, vorbei.
Zu dieser Zeit ahnte niemand, dass ich eines Tages ein Stück meines Gesäßes in den Kopf, hinter das entnommene linke Auge, transplantiert bekomme. Da kann man nur zweideutig sagen, was hat dieser Arsch schon mitgemacht!

Nachdem ich hiermit diesen Lebensabschnitt literarisch abschließen möchte, will ich noch einiges klarstellen.
Diese zweijährige Erfahrung hat mich danach nur im Unterbewusstsein beschäftigt. Ich glaube nicht, dass ich einen psychischen Schaden davon getragen habe.
Erst mit sechzig Jahren, als die Missbrauchsskandale und Gewalttätigkeit gegen die Heimkinder publik wurden, kochten meine Emotionen hoch. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein starker Junge geblieben bin. Als ich das Heim verlassen durfte, schwor ich mir, niemand wird Dich mehr beugen oder schlagen! Mittlerweile verstand ich auch, was ein Schwur bedeutet. Ich war elf Jahre alt.

Auch war ich lebenslang kein Ungläubiger, sondern meine bekannte Kreativität erlaubte mir im Geiste einen eigenen Gott zu basteln. Der liebt mich bis heute und gehört mir ganz alleine. Den nimmt mir auch keine Kirche ab. Das waren die letzten Sätze, in dem für die Erwachsenen unrühmlichen Kapitel!

(Anmerkungen zum Text*: Luley war der Firmennahme für Salzsticks und Brezeln. Bayerschwestern sind 3 ledige Geschwister, alle Lehrerinnen, die bei uns in den Fünfzigerjahren auf der gleichen Etage wohnten)

Und nun zur “Jetzt” Zeit.

Wir, die hunderttausend Betroffenen werden seit Jahren von sogenannten “Missbrauchs-beauftragten” verhört. Diese Beauftragten werden von der Kirche ausgesucht. Mir fällt da nur ein: “Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing”. Unter diesen Herren und Damen sind, wie bei mir, sogar Diakone!? Diese, meist Anwälte, sollen im Gespräch mit Betroffenen herausfinden, ob wir glaubhaft und die Vorkommnisse in den Heimen plausibel sind.
Die psychologische Ausbildung zu unserer Befragung haben diese Rechtsvertreter in ihrem Studium z.B. für Bau-und Erbrecht, oder Verkehrs-und Mietrecht erhalten. Das ist mir neu! Mein Vorschlag dazu wäre zum Beispiel, Fernfahrer zu Staatsanwälten zu befördern. Dann hätten diese auch ein gutes Einkommen. Tausende von Beauftragten, meist hochdotierte Hobbypsychologen, können sich wie gesagt überhaupt nicht in die Gefühlswelt der Missbrauchsopfer einfühlen. Das spielt jedoch für die katholische Kirche keine Rolle, wurden sie doch von der Kirche dazu bestimmt. Millionen Euro werden für diese fragwürdige Vorgehensweise ausgegeben. Die missbrauchten Opfer sehen allerdings sehr selten eine Entschädigung für ihr Leid.
Es hat sich ein richtiger Wirtschaftszweig auf Kosten der Missbrauchten gebildet. Dafür sind Millionensummen da. Der Papst, die Bischöfe, die ja vor Ort sind und alle Würdenträger sollten endlich Verantwortung übernehmen, für das, was geschah. Man nennt sie “Würdenträger”, weil sie “unsere Würde” wegtragen und uns als unglaubwürdig darstellen!
Die Opfer werden weiterhin oft als Lügner verurteilt. So wie diese Aufarbeitungsgremien arbeiten, missbrauchen sie uns wissentlich zum zweiten Mal!

Eines habe ich bis jetzt erreicht: meine Enkel, 13 und 15 Jahre alt, haben das Haus (Wickenmeyerstiftung) von außen angesehen.
Sie wissen nun, wo das “Böse” zuhause war.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Uwe Wolf